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Im Schützengraben

Und dann warte ich wieder zu lange. Ich warte und warte. Wie ein Soldat im Schützengraben. Bis der Krieg beginnt. Oder der Frieden. Bis zum ersten Schuss. Dieses Warten auf irgendwas. Ein Zeichen. Ein Kommando. Egal auf was, hauptsache irgendwas. Ich warte auf jedes Gefecht wie ein Soldat. Irgendwie voller Energie, irgendwie voller Angst. Voller Tatendrang. Und doch wie eingefroren. Irgendwie alles. Doch meine Kriege sind nicht gegen andere. Meine Kriege sind gegen mich selbst. Gegen das eigene Zaudern. Die ständigen Zweifel. Und immer wieder diesen Stolz. Immer an der falschen Stelle, immer größer als man selbst. Fast schon überheblich. Du musst über deinen Schatten springen, heißt es. Dabei sollte es heißen „Du musst deinen Schattern erschießen. Oder leg ihn zumindest in Ketten.“

Also lieber warten. Vielleicht ändert sich ja noch etwas. Morgen. Übermorgen. Vielleicht warte ich auf das Unmögliche, auf ein Wunder. Auf ein Zeichen. Ein Kommando. Egal auf was, hauptsache irgendwas. Ein Soldat ohne Heer. Ohne Anführer. Irgendwie verloren. Aber verloren sein ist schlimm, da fühlt sich warten doch noch besser an. Denn beim Warten, kann man immrhin noch hoffen. Auf die Rettung. Eine Idee. Die Lösung. Egal auf was, eben irgendwas. Weiterlesen

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Erst in der Stille kann ich mich hören.

At home, I love reaching out into that absolute silence, when you can hear the owl or the wind.
Amanda Harlech

Ich komme aus einer großen Familie. Wir sind vier Geschwister. Meine ersten essenziellen Lebenslektionen waren also, dass der Lieblingsjoghurt im Kühlschrank auch nicht mittels  Zettel und der Aufschrift „Meins. ICH MEINE ES ERNST“ gerettet werden kann. Dass man den Schlüssel beim aufs Klo gehen ausnahmslos vorher umdrehen sollte und als wichtigste Regel: Der Letzte muss das Bad putzen. Anders gesagt: Sei niemals langsam. Egal bei was.

Was ich hingegen nicht gelernt habe, ist allein  sein. Als kleines Mädchen bin ich jede – und ich meine jede verdammte Nacht ins Nebenzimmer geschlichen, in dem meine Brüder in ihrem Doppelbett geschlafen haben, um mich dazu zu legen. Ich hatte Angst davor allein zu schlafen. Und außerdem Angst vor Einbrechern. Wahlweise habe ich auch einen von beiden mehr oder weniger wachgerüttelt, um ihn dann halb ziehend, halb tragend in mein Bett zu verfrachten. Ich hoffe ernsthaft, dass sie deswegen keine unterbewussten Traumata erlitten haben, die dann irgendwann bei einer zukünftigen Freundin zum Vorschein treten. (Falls ja, dann an dieser Stelle schon mal ein großes Sorry vorab!) Und ich hatte nicht nur Angst vor Einbrechern und dem alleine schlafen – ich hatte zudem noch eine Riesenangst in dunklen Zimmern. Wenn ich nachts auf die Toilette musste, konnte ich lichtermäßig quasi ein ganzes Festival ausleuchten. Am Wichtigsten war aber das letzte Licht: Die Nachttischlampe. Wenn die nämlich mal kaputt war, dann musste man kreativ werden. Ich habe mir immer vorgestellt, dass unter dem Bett eine klauenartige Hand hervorkommen könnte und mich am Fuß hinunter in die Tiefe reißen könnte. Deswegen bin ich olympiaverdächtig  durch das halbe Zimmer in mein Bett gesprungen, um diesem Horrorszenario ja zu entgehen! Mit Licht an versteht sich.

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Ich erspare euch netterweise die Geschichten von meiner imaginären Schwester und mir. Auch so glaube ich, dass man erkennt, dass die Rede von einem hoch phantasievollen Kind ist. Mit latentem Hang zur Neurose. Eigentlich sollte dieser Text in eine ganz andere Richtung gehen und ich merke, dass ich an dieser Stelle ein wenig von meinem Ursprungsgedanken abgekommen bin. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht haben meine Finger genau das Richtige getippt.  Denn eigentlich wollte ich damit beginnen, wie sehr ich das allein sein liebe. Doch jetzt merke ich, das dies  einfach nicht die Wahrheit gewesen wäre.

Die Wahrheit ist: Ich habe gelernt, allein sein zu lieben.

Für das erste Studium bin ich von Zuhause ausgezogen. Raus aus dem Trubel. Rein – natürlich in eine WG. Nur zu zweit. Das erschien mir ein guter Kompromiss. Die nächste Stufe quasi. Und ich fand mich furchtbar erwachsen. Bis ich am Abend nach dem ersten Unitag allein in meinem neuem Zuhause saß. Die Mitbewohnerin verreist. Damals saß ich in jenem heruntergekommenen Altbauzimmer auf dem Boden (die Couch war natürlich noch nicht geliefert), aß ein Brot (noch von Mama) mit Käse (auch von Mama) und habe bitterlich geweint und mir furchtbar Leid getan. Ganz schnell war’s vorbei mit dem erwachsen fühlen.

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Unter der Woche hatte ich also immer jemanden in der Wohnung, zu dem ich mich – rein hypothetisch und im Falle eines Angriffs – ins Nachbarbett verkriechen hätte können. Und am Wochenende bin ich dann zum Freund gefahren. Es war perfekt. Zumindest fast.  Denn mit der Zeit, wurde ich immer unruhiger. Konnte das Gefühl aber zunächst nicht einordnen. Ich fing an sehr viel feiern zu gehen. Habe noch mehr Sport gemacht als zuvor. War nur noch unterwegs. Habe mich im Zimmer verkrochen. Ich fing an, den Menschen in meiner direkten Umgebung immer mehr aus dem Weg zu gehen. Das Gefühl, ständig präsent sein zu müssen, hat mir die Luft zum Atmen genommen. Ich wollte allein sein. Nicht immer. Aber immer wieder.

Bestimmt gibt es einige, die das von Anfang an gut können. Doch ich bin sicher, sehr viele sind ungern allein. Menschen sind Rudeltiere. Wir leben in Städten. Liegen wie die Sardienen am Strand. Gehen zusammen aufs Klo. Suchen das ganze Leben nach einem Partner. Wir sind nicht gerne allein. Gerade wenn man in einer größeren Familie aufwächst, in der es so gut wie keine Privatsphäre gibt und jeder Raum irgendwie jedem gehört, muss man erst lernen, sich selbst zu genügen. Allein zu sein, nur mit sich selbst.

Und doch, müssen wir es auch mal sein. Weil man erst beim Allein sein spürt, wen man vermisst. Erst in der Stille sich selbst hört.  Vielleicht muss man aber auch erst das Chaos kennengelernt haben, um Ruhe wirklich genießen zu können. So wie wenn man erst beim Aufsetzen einer Brille merkt, wie schlecht man vorher eigentlich gesehen hat. Der Unterschied ist es, der das Unterscheiden lehrt. Und jetzt? Angst im Dunkeln habe ich zwar immer noch ein wenig. Und wenn ich allein bin, dann springe ich sicherheitshalber doch noch mit einem Satz ins Bett. Aber allein sein macht mir keine Angst mehr. Im Gegenteil. Ich liebe die Stille. Ich liebe allein sein. Nicht immer, aber immer wieder.

Fotos: Foxografie ♥

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Matcha Tee mit Valentin

Nachdenklich sitzt sie vor dem Computer und nimmt ab und an einen Schluck aus der großen blauen Tasse. Schwarzer Tee mit Milch. Ihr Lieblingstee. Eigentlich sollte er helfen, die Schreibblockade ein wenig zu lösen. Eine Schreibblockade kommt immer dann, wenn man eigentlich etwas ganz besonders Kluges sagen möchte. Und das passiert oft an jenen Tagen, die mit einem Stempel versehen wurden. Heute zum Beispiel, heute ist Valentinstag. Der Tag der Liebe.

Sofort wirbeln so viele Gedanken durch ihren Kopf. Als gäbe es dort einen Schneesturm, fliegen tausende kleiner weißer Flocken umher – ohne Richtung, ohne Ziel. Mitten in diesem wilden Gekreise steht sie. Und hat doch keine rechte Meinung dazu. Viele Gedanken, viele Schneeflocken.

Der erste Impuls ist Abneigung. Valentinstag. Schon allein die Tatsache, dass dieser Tag nach einem Männernamen benannt wurde ist eigentlich absurd. Dass rote Rosen an dem Tag plötzlich in Massen verkauft werden – irgendwie lächerlich. Ein offizieller Tag der Liebe – ist es nicht traurig, wenn man einen Tag braucht, um daran erinnert zu werden, auf den letzten Drücker einen überteuerten Rosenstrauß zu holen? Und  wie müssen sich dann erst Singles fühlen? Es wäre doch recht interessant zu wissen, ob der Alkoholkonsum ab dem Vorabend zum 14. Februar im selben Maße ansteigt, wie der Verkauf roter Rosen.

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Sie nimmt einen weiteren Schluck Tee, behält ihn einen Moment im Mund und stellt sich vor, wie unterschiedlich man wohl diesen Tag empfinden wird. Je nach Beziehungsstatus. Von freudig erregt über So-interessant-als-fiele-in-China-ein-weiterer-Reissack-um und schließlich bis zu Wo-ist-der-nächste-Baum-den-Strick-habe-ich-bereits. Sie schluckt den inzwischen lauwarm gewordenen Tee hinunter und fragt sich, ob sie vielleicht zu negativ an diesen Tag herangeht. Ein klein wenig vielleicht, ja.

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Es ist dieser Zwang. Diese Vorschrift, dieses „Heute ist..“. Wie auch Silvester, wenn eine Feier ganz besonders toll werden muss, liegt auch auf dem Valentinstag eine zentnerschwere Bürde. Zumindest in ihrem Kopf.  Erdrückt jegliche Romantik. Zumindest in ihrem Kopf.

Ist Liebe nicht dann erst richtig wundervoll, wenn sie einen vollkommen überrascht? In einem Moment, in dem man sie gerade am Wenigsten erwartet hat. Diese Sekunde, in der man aus der Bahn gebracht wird. Plötzlich steht da gestern morgen dieses kleine Döschen mit grünem Pulver. Matcha Tee. Den hat sie vor kurzem zum zweiten Lieblingstee gekürt. Natürlich mit Milch. Er hat ihn extra besorgt. Inklusive Youtube Video mit Zubereitungsanleitung. Einfach so. Weil er an sie gedacht hat. Die Schneeflocken sind plötzlich verschwunden, alles ist klar. Einfach so, hat sie es verstanden. Der Moment, in dem er auf den „Bestellen“ Knopf drückte, der Moment, in dem er ihr eben wortlos eine große gepunktete Tasse Matcha Tee in die Hand drückt, während sie seit Stunden versuchte, Ordnung in dieses Schneeflockengestöber zu bringen, das ist er: Valentinstag. Zuneigung. Liebe. Achtsamtkeit. Wie auch immer man es gerne nennen mag.

Und endlich zufrieden, klappt sie den Laptop zu.

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