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Links, rechts, vor, zurück.

„Weißt du, das große  Dilemma ist: Du kannst wählen,“  sage ich zu meiner Freundin. Natürlich geht es um Männer. Doch eigentlich geht es um alles.
Wir blicken uns schweigend an, während wir mit den Händen unsere Kaffeetassen wie einen Rettungsanker umklammert halten. Die Kerze ist schon fast heruntergebrannt, das warme Wachs läuft wie Lava aus einem Minivulkan auf den Holztisch.  Wie immer kann ich nicht anders: Ich tippe mit dem Zeigefinger in die glänzende Masse und streiche dann über das Wachs, das auf meiner Haut innerhalb von Sekunden fest wird. Als Kind habe ich diese Prozedur so lange wiederholt, bis alle 10 Fingerspitzen sorgfältig mit Wachs bedeckt waren . Jetzt bin ich erwachsen und genüge mich mit einem. Manchmal zwei.

Wir blicken uns schweigend an und wissen beide, dass es so ist. Das Dilemma sind die vielen Optionen. Es ist einfach, zufrieden mit einer Wahl zu sein, wenn man weiß, dass es die Einzige ist. Weitaus schwieriger wird es, wenn es noch eine weitere gibt. Oder zwei. Und unser Kopf ist schlau – fragt uns gerne nachträglich immer wieder: „Bist du sicher?“ Und natürlich sind wir es nicht. Wie auch. Frieden schließen, das ist es, wonach so viele suchen. Meine Freundin. Ich. Stattdessen treiben die Gedanken wie hilfloses Treibholz auf einem großem Fluß umher. Haltsuchend. Nach jemanden, der sagt: „Ja, alles richtig so, wie du das machst.“

Mit 16 wusste ich ganz genau, wie das Leben zu laufen hat. Ehrlich, ich schwöre euch, eigentlich wusste ich alles. Und natürlich besser als jeder andere. Mit 20 wusste ich es, wollte aber irgendwie so etwas, wie meine eigenen Erfahrungen machen und habe das, was ich wusste ignoriert. Schließlich sind auch schlechte Erfahrungen wichtig. Mit 25 wurde es irgendwie komplizierter: Der Welpenschutz schwindet so langsam dahin. Der Satz „Na du bist ja noch blutjung“, begegnet einem nicht mehr ganz so häufig und irgendwie spricht das Umfeld dauernd von vernünftig sein. Jetzt bin ich 29. Welpenschutz endgültig futsch. Nur die Tatsache, dass ich immernoch schamlos weiße Tüllröckchen trage, Handschuhe aus der Kinderabteilung kaufen muss und ein mintfarbenes Auto fahre, das stark an die  Matchboxautos aus der Kindheit erinnert, verschaffen mir noch so etwas wie einen Freifahrtschein. Und den möchte ich mir auch bitteschön beibehalten. Mal sehen, ob das ab September noch klappt. Ich werde berichten.

So sitzen wir also im Café. Philosophieren über diese komplizierte Männergeschichte und meinen eigentlich das ganze Leben. Niemand kann einen ja irgedwie darauf vorbereiten, oder? Letztendlich, müssen wir da allein durch. Zwar mit Herzensmenschen im Gepäck, aber dennoch alleine. An der Kreuzung müssen wir selber entscheiden können (mit oder ohne Tüllröckchen) ob nach links oder rechts. Oder doch geradeaus. Oder zurück? Ich glaube manchmal, letztendlich ist es weitaus weniger wichtig, in welche Richtung man geht. Überall ergibt sich etwas Neues und man denkt sich sich – „hey, schau an, was hierbei herausgekommen ist“ oder „ich hätte ja nie gedacht, dass ich irgendwann hier stehe“.

Also schaue ich meine Freundin an. Und während ich das Wachs wieder von meiner Fingerspitze abbrösle, sage ich: Alles halb so wichtig. Du kannst wählen, ja. Und jede Richtung wird gut sein.  Weil wir uns haben. Und weil es einfach so ist. Weil es letztendlich deine Einstellung sein wird, die entscheidet.  Nicht die Kreuzung“.
Und mit diesem weisen Gedanken tippe ich meinen anderen Zeigefinger in das verbliebene Kerzenwachs. An manchen Tagen muss das eben sein.

11 Kommentare

  1. Dunja

    Du schreibst so wunderschön ! 🙂
    In letzter Zeit muss ich auch oft denken, dass das Grübeln und Überlegen doch eigentlich keinen Unterschied macht. Es kommt alles wie es eben kommt 🙂 ^

    Liebe Grüße
    Dunja

  2. Rebecca

    Du schreibst auf eine so wunderbar poetische und dennoch simple Art, dass es mich jedes Mal wieder sprachlos macht. <3
    Und vielleicht biegen wir beim nächsten Mal gar nicht ab, weder rechts noch links, sondern gehen einfach geradewegs mit dem Kopf durch die Wand. 🙂

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