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All we have is now

Die einfachsten Dinge sind meist die Schwierigsten.  Sagen wir das nicht oft? All we have is now. Fünf kleine einsilbige Wörter. Vollkommen logisch. Einfach. Jedes Kind versteht diesen Satz. Der Unterschied ist nur: Kinder leben ihn.

Ich weiß nicht genau, wann es beginnt, dass man sich nicht mehr in eine Sache vertiefen kann. Stundenlang die Welt ausblenden. Vollkommen verloren in sich selbst.  Aber ich bin sicher, es war lange bevor Smartphones und Facebook unsere Aufmerksamkeitsspanne auf Goldfischmaß verkürzt haben. Sie können nicht an allem schuld sein.

Wahrscheinlich begann es irgendwann zwischen der Anforderung, dass man sich schließlich Ziele setzen muss, der Lehre, dass diese strikt verfolgt werden müssen  und der Erkenntnis, dass  Scheitern oder besser gesagt die Angst davor einen dazu treiben, sich nur noch stärker an diesen Zielen festzukrallen. Entscheide dich für die richtige Schule. Die richtigen Fächer. Die richtige Arbeit. Das richtige Studium. Bloß keinen Fehler machen. Bei der Diskussion über Realschule oder Gymnasium kommt es zum Familienstreit. Chemie oder Physik – entscheide dich, es geht um Leben und Tod. Manchmal krallt man sich noch an seinen Zielen fest, lange nachdem man sich eigentlich eingestanden hat, dass man gar nicht mehr so sicher ist, ob man das noch möchte. In jedem Bewerbungsgespräch die Frage „Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?“.  Nicht alle Antworten entsprechen übrigens der Norm. Rockstar, Schuhmodell oder Mutter zählen leider genau so wenig wie „Auf Ihrem Bürostuhl“ .

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Was aber, wenn einem die Norm nicht liegt. Wenn man sich nicht extra etwas ausdenken möchte, nur um ein paar Sekunden mit leeren Worten zu füllen. Ich bin ehrlich. Ich war ehrlich. „Ich habe keine Ahnung“. Das war meine Antwort. Früher habe ich diesen Satz mit unsicherer Stimme gesagt, habe mich dafür geschämt, dass ich keinen 5-Jahresplan aufstellen konnte. Ja dass ich mir noch nicht mal die Gedanken darum gemacht habe. So viele Freunde, die haargenau wussten wohin sie wollten. Und ich? Eher so Typ Eichhörnchen, dass sich vor lauter tollen Nüssen gar nicht entscheiden kann, welche es zuerst schnappen soll.

Stellt mir heute jemand diese Frage, habe ich immernoch die gleiche Antwort parat.  „Keine Ahnung. Vielleicht bin ich morgen schon tod.“ Die meisten Menschen sind dann schockiert. Wie kann ich nur so etwas Schlimmes sagen!? Und dabei meine ich das nicht negativ. Im Gegenteil. Ich bin sogar stolz darauf. All we have is now. Ich weiß, was ich J E T Z T will, dafür lebe ich. Wer kann schon wissen, was in fünf Jahren ist. Oder in 10. Das Gefühl, noch viele Dinge machen zu können, die mir Spaß machen, gibt mir kein schlechtes Gefühl mehr, für das ich mich schämen muss, sondern ein fabelhaftes.

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Und nein, das heißt nicht, dass nur der Moment zählt und alles andere vollkommen Banane ist, weil man ja morgen schon den Löffel abgeben könnte. Es heißt nicht, dass man keine Wünsche und Ziele für die Zukunft haben soll. Aber es heißt Folgendes: Man sollte all diese Wünsche nehmen und sie in hübsche Rahmen hängen. Dann kann man ein paar Schritte zurücktreten und alles betrachten. Gefällt dir, was du siehst? Gut. Ziele sind nicht dafür da, um wie eine Fahne mit Gewalt in den Boden gerammt zu werden. So ein Ziel ist nämlich eine äußerst zerbrechliche Sache mit der man sehr vorsichtig umgehen muss.

Gefällt dir dein Ziel nicht mehr? Auch gut. Wenn alles einfach nicht mehr so recht zum Rest passen möchte, dann dekoriert man eben um. Umdekorieren ist nicht schlimm, im Gegenteil.  Und scheitern oder seine Pläne ändern genau so wenig. Wie oft ist man schon im Leben von seinem ursprünglichen Ziel abgekommen, um dann hinterher festzustellen, dass der Umweg sogar noch viel besser war? Letztendlich wissen wir einfach gar nichts. Wir sind keine Orakel. Wann wir abtreteten müssen  , können wir bisher trotz aller Technik nicht voraussagen. Also machen wir doch das Einzige, was wir ganz sicher können: Einfach mal leben. Das können wir. Das klappt sogar von ganz allein. Sich verlieren im Jetzt.
Und wenn ihr ganz besonders verwegen seid, dann legt doch mal das Handy weg. 10 Minuten. Eine Stunde. Die Zeit spielt keine Rolle. Wenn ihr diese Zeilen fertig gelesen habt, dann klappt den Laptop zu. Und macht etwas, was euch richtig Spaß macht. Egal was, die Fingernägel lackieren, ein Buch lesen, einen grünen Smoothie zubereiten – was auch immer. Vollkommen egal. Die einzige Bedingung: Macht nur diese eine Sache. Nichts nebenher. Keine Ablenkung. Nur eine Beschäftigung. Denn das ist sicher: All we have – is now.

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Today’s song: Just one Day – Mighty Oaks

16 Kommentare

  1. So ein schöner Text, du hast so recht! Ich habe und hatte auch nie einen 5-Jahres-Plan. Aber wenn ich Freunde anschaue, die das immer hatten, stehen die meisten heute ganz wo anders und sind auch glücklich mit dem, was so tun. Also warum sollte man sich jetzt damit stressen?
    Liebe Grüße, Jana
    MeinBlog

  2. Sehr, sehr schöner Post! Ich stimme dir da voll zu, gerade in letzter Zeit habe ich gemerkt, wie schwer es mir fällt, mich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Immer habe ich tausend Sachen, die noch erledigt werden müssen im Hinterkopf. Und wenn man sich dann mal Zeit für etwas nimmt, dass einem Spaß macht, kommt gleich das schlechte Gewissen. Aber ich glaube ich befolge jetzt mal deinen Rat und mache mir einen grünen Smoothie – ganz ohne ein Foto für Instagram davon zu schießen.

    Liebe Grüße,

    Hanna von Written In Red Letters

    • Carolina

      Ich habe vor kurzem ein wundervolles Buch gelesen.
      Es geht um mehr Achtsamkeit. Und zwar für sich selbst. Zum Beispiel das Tee trinken. Eigentlich etwas total banales. Aber wenn man es bewusst macht, nichts nebenher. Dann wird das Banale zu einem wundervollem Ritual, macht den Kopf frei und hinterlässt ein leichtes Gefühl. Dann kann man auch wieder weiterarbeiten, bei Instagram vorbeischauen, einen Facebookpost veröffentlichen, Fernsehschauen oder was auch immer. Aber Momente, in denen man sich nur auf die eine Sache konzentriert sind so selten geworden – wo sie eigentlich superwichtig sind.

  3. Du hast so recht mit dem was du schreibst.
    Es ist wirklich super wichtig, sich , gerade im Alltag, kleine Bewusstseins-Oasen zu schaffen bei denen man sich vollkommen auf eine Tätigkeit konzentiert. Das machen wir alle einfach viel zu selten. Dabei birgt es eine unheimliche Entspannung und entschleunigt den Alltag. Diese kleinen Dinge, die man nur für sich tut 🙂
    Dadurch wird einem einfach immer wieder bewusst, wie kostbar der Moment ist und dass man viele Momente einfach so verschenkt und die Welt um sich gar nicht richtig wahrnimmt.
    Achso, ich bin übrigens ein „5-Jahres-Plan-Mensch“ und ich nehme mir dennoch immer wieder Zeit, um die Momente zu genießen und gerade dadurch gelingt es mir immer wieder mal einen Schritt zurück zu treten und zu schauen ob mir meine Ziele denn noch gefallen und ob ich evtl. den Plan verändern sollte, denn oft kommt es ja anders als man denkt 😉

    Liebe Grüße
    Lisel

    • Carolina

      Ich glaube inzwischen nicht mehr nur, dass es wichtig ist, sondern lebenswichtig. Man braucht sie, um Kraft zu haben. Um gute Laune zu haben. Und um nicht alles um sich herum zu verpassen!

      Und dafür hege ich übrigens größten Respekt, wenn man irgendwie beides schafft – planen und genießen! 🙂

  4. So ein toller Text mit so viel Wahrheit, liebe Carolina!
    Ich bin auch eher Typ Eichhörchen (tolle Bezeichnung :D) und kann mich nicht entscheiden, welche Nuss ich als erstes nehmen soll. Vielleicht bin ich auch zu zörgerlich, wer weiß. Aber ich merke auch, dass ich oft viele inge gleichzeizig tue und es schon fast verlernt habe mich auf eine Sache zu konzentrieren. Früher konnt ich einfach ein Hörbuch hören und durchatmen. Heute scrolle ich dabei durch den Instagram Feed oder lande auf Pinterest. Oder machmal mache ich mir einfach ein paar Youtube Labervideos an.. das hört sich echt furchtbar an, aber da denke ich echt, dass ich verlernt habe mit mir alleine zu sein. Man ist ja auch quasi immer online und erreichbar.
    Wie heißt denn das Buch, das du oben erwähnt hast? Vielleicht wäre das was für mich (:
    Liebe Grüße,
    Celine von sur la lune
    (Mighty Oaks mag ich übrigens auch richtig gerne 🙂

    • Carolina

      Mein Freund sagt das so oft zu mir. Ok. Manchmal auch Frettchen. 😀
      Ja, ich habe mich vor kurzem auch dabei ertappt, wie ich an der Kasse stand, eine Minute warten musste und sofort reflexartig zum Handy gegriffen habe. Das war der Moment, in dem ich mir dachte – du wirst ja wohl auch mal eine Minute einfach dastehen können und warten. Gerade für Leute, die sich damit schwer tun, ist das ganze Handygedöns nochmal erschwerend dazugekommen.

      Ich erinnere mich jetzt immer öfter daran – mach nur das eine. Schön eins nach dem anderen. Und nicht im Kopf schon immer bei der nächsten Sache sein. Das fabelhafte Buch heißt „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“. Es hat da wirklich enorm was bewegt in mir!

  5. So viele wahre Worte und doch so schwer umzusetzen. Kürzlich hatte ich am Abend beim Fernsehen plötzlich den Gedanken, was wäre, wenn es mich irgendwann nicht mehr gibt?! Dann könnte ich das alles nicht mehr erleben, nicht mehr sein, wie geht das?! Dieser Gedanke war beängstigend und wachrüttelnd zugleich, daher passen deine Worte gerade wirklich gut. Nun genieße ich meine Tasse Tee am Morgen ganz bewusst und lege am Abend im Bett mal das Handy beiseite, lese stattdessen in einem Buch. Etwas, dass ich früher viel häufiger gemacht habe. Auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen versuche ich mehr auf meine Umwelt zu achten (also nicht nur was im Straßenverkehr notwendig ist) wie zum Beispiel die schönen Herbstfarben zu bewundern. Seit dem letzten Jahr habe ich mir angewöhnt mit Herbstbeginn Kastanien zu sammeln und sie in meiner Wohnung als Deko zu nutzen, ist Natur pur und ich habe ein Erlebnis, dass ich für mich genießen kann. Vielleicht sollte ich mir den Satz „all we have is now“ an den Kühlschrank pinnen 🙂

    Vielen Dank für deine Zeilen, sie haben mir weitergeholfen.
    Liebe Grüße, Silke

  6. Du schreibst immer so schlaue und wahre Dinge, in denen ich mich einfach ständig wieder finde!
    Der Text eben passt grade perfekt zu meiner Situation – Abi fertig und erst mal noch überhaupt keinen Plan, was denn nun, dazu tausend Menschen, die mir ständig erzählen, ich müsse mich jetzt mal entscheiden. Und ich, die einfach nicht weiß, was sie will & einfach alles mal probieren will 😛

    • Carolina

      Dankeschön! 🙂
      Oh ich kann mich noch so gut an diese Zeit erinnern – es ging mir haargenau so wie dir. Aber lass dich wirklich nicht so stressen – klar, natürlich sollst du nicht 4 Jahre überlegen unbedingt, aber man muss nicht SOFORT wissen, wohin der Weg denn gehen soll. Er findet sich meist doch irgendwie von alleine.
      Was aber immer wunderbar hilft: Reisen. Egal, ob vier Wochen oder ein Jahr. Mal weg von dem festen Rahmen, der einen umgibt – nichts bringt einem persönlich so viel!

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