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Zufriedenheit. Eine unserer leichtesten Übungen. Nicht.

Your living is determined not so much by what life brings to you as by the attitude you bring to life;
not so much by what happens to you as by the way your mind looks at what happens.

Kalil Gibran

Khalil Gibran ist einer meiner Lieblingspoeten – zumindest hält er sich schon lange Zeit auf den oberen Rängen. Ich hege eine tiefe Bewunderung für Menschen mit einem besonderem Talent. Stehe staunend da, kann nicht genug sehen, hören oder fühlen. Will mehr davon.  Möchte es auch können. Wortakrobaten, die es nur mit Worten schaffen,  andere mitzureißen, die mit ihrer Fantasie  Buchstabe um Buchstabe Welten schaffen. Faszinieren. Begeistern. Maler, die wie durch Zauberhand aus lauter einzelnen Pinselstrichen etwas entstehen lassen, wobei sich jeder Betrachter fragt, wie man so etwas überhaupt zu Stande bringt.  Gedächtniskünstler, mit denen man „Ich-packe-meine-Koffer“ solange spielen kann, bis man das Spiel umbenennen muss zu „Ich-packe-meinen-18-Tonner“. Lieder, die uns zum Tanzen bringen. Wild und ausgelassen. Zum Lachen. Oder auch zum Weinen.

Oft bin ich unzufrieden, mit dem, was ich bisher erreicht habe. Weil es mir einfach nicht schnell genug gehen mag, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe. So viele Ideen. Habe Angst, dass sie verfliegen, ehe ich sie Wirklichkeit werden lassen kann.  Panik, dass ich etwas verpasse. Eine Chance. DIE Chance. Und dann gehe ich abends ins Bett und denke an all die Dinge, die ich eigentlich doch noch schaffen wollte. Klar, mehr als 24 Stunden sind halt einfach nicht drin, sage ich mir. Bleib locker. Stress dich nicht so. Wie ein Mantra, um das schlechte Gewissen zu besänftigen. Doch dann kommt sie – und bin machtlos dagegen: die Unzufriedenheit. Wie eine dunkle Gewitterwolke schwebt sie über dem Gemüt und lässt kaum noch einen Sonnenstrahl durch die zähe Masse.  Ich bin ehrlich, wirkliche Zufriedenheit kenne ich nicht. Glücklich sein, ja, das schon. Glücklich sein ist leicht: Wenn ich morgens im Bad von draußen den Uhu rufen höre, wenn Mittwochs beim Bäcker gegenüber Quarkbällchentag ist. Mit dem Lieblingsmann auf der Dachterasse sitzen und Wein trinken. Ein Lied hören, fotografieren, selbstgemachter Rhabarberstreußelkuchen von Mama. Chips mit Pommesgeschmack. Pastelfarbener Nagellack.  So viele Dinge, die glücklich machen. Aber zufrieden? Nein, das eigentlich nie. Erst gestern habe ich mich mit einer Freundin darüber unterhalten, warum es eigentlich so schwer ist, zufrieden zu sein..

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Muss man erst etwas Schlimmes erleben, damit man etwas  schätzen kann?

Sobald jemand im Umkreis erkrankt oder stirbt, da wachen plötzlich alle auf. Schauen sich mit betroffenen Mienen an und flüstern sich mit ernster Stimme zu „Da sieht man mal wieder, wie schnell es plötzlich vorbei sein kann“. „Ja“, wispert man zurück „Man muss wirklich jeden Tag genießen und zufrieden sein mit dem, was man hat!“ Ja, das kann es. Und ja, das soll man. Aber warum brauchen wir für diese Erkenntnis immer wieder den Warnschuss? Und warum hält sie so kurz an, diese Erkenntnis. Liegt es vielleicht einfach nicht in unserer Natur sich zufrieden zu geben? Immer noch mehr wollen. Einen drauf setzen. Auf die Schnauze fallen. Aufstehen und weitermachen. Wie Sisyphos. Nur rollen wir eben nicht immer den selben Stein wieder hoch, sondern jedes Mal einen anderen. Das Prinzip bleibt dennoch gleich. Genau wie die Laufarbeit.

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Wahrscheinlich ist es so: Sich zufrieden geben ist nicht wirklich unser Ding.

Und wahrscheinlich ist das auch gut so. Besser gesagt, es ist gar nichts – weder schlecht, noch gut. Es ist einfach unser Motor, ein Antrieb, der uns immer weiter nach vorne bringt. Nicht auf der Stelle treten lässt. Uns Neues entdecken lässt und uns das Gefühl gibt, nicht sinnlos da zu sein. Und ist das nicht eigentlich unsere größte Angst? Bedeutungslos zu sein? Für niemanden besonders zu sein? Das ist es doch, was unser Leben lebenswert macht. Wofür sonst all der Aufwand.

Und Sisyphos war im übrigen nicht nur ein unermüdlicher Steineschlepper, sondern soll auch der klügste und weiseste unter den Sterblichen gewesen sein. Der es immer wieder geschafft hat, den Tod auszutricksen. Die Griechen halt.  Konnten schon damals die besten Soaps schreiben. Wo wären wir denn, würde sich nicht immer wieder so eine rastlose Seele immer weiterlaufen. Wo wären wir, hätten ein paar Neandertaler damals vor ein paar Jahren gesagt, „Danke, das Feuer reicht uns.Bisschen rauchig, aber hauptsache warm„. Jeder später gesagt hätte: „Wir haben Freilufttoiletten. Gruben sind super, was will man mehr.“ Wo wären Mozart, Youtube und Metallica hätte nicht irgend so ein Sisyphos wieder rumgenörgelt, weil es so still ums Lagerfeuer war. Wenn ich also das nächste Mal wieder meinem Stein hinterherrenne, wenn er voll Karacho ins Tal saust, dann werde ich dankbar sein, dass ich beim Hochtragen zumindest Spotify hören kann und keinen peinlichen Lendenschurz tragen muss.

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// Olivfarbener Trenchcoat – Pimkie // schwarze Röhrenjeans mit Reißverschlüssen – Mango // gestreifter Oversize Sweater – Mango // Stiefeletten – Pimkie // Lederbeutel – Görtz //

28 Kommentare

  1. Wieder mal ein Traum zu lesen ♥ Ja man muss wissen, wann sich das Zufriedensein lohnt. Aber es könnte doch noch was besseres geben! Das Thema finde ich total spannend, denn selbst mit den „gleichen“ Situationen gehen Menschen so unterschiedlich um. Zufriedenheit ist immer mit Erwartungen verknüpft. Wer nicht viel erwartet ist zufriedener… Man muss das Nicht-Perfektsein ertragen. Und um ehrlich zu sein, wer möchte schon perfekt sein?
    Vielen Dank für den Post 🙂

    • Carolina

      Da hast du Recht, jeder legt das Gefühl wann und wodurch man sich zufrieden fühlt ganz unterschiedlich fest. Was den einen zufrieden macht, macht den anderen noch lange nicht zufrieden. „Das Nicht-Perfektsein“ ertragen. Das hast du du schön gesagt.

  2. Marie

    Nach dem Lesen habe ich eine Weile über deinen Post (der übrigens ganz toll geschrieben war) nachgedacht. Ich persönlich finde, dass die Dinge, die du beschreibst (Kuchen von Mama, Quarkbällchen vom Bäcker, Terrasse mit dem Lieblingsmann) eher Dinge sind, die zufrieden machen. Ich finde, Glück ist irgendwie mehr als das – wenn man in der Situation, in der man gerade ist, gar nichts ändern will. Das ist für mich Glück und Zufriedenheit ist eben die Freude an den kleinen Dingen. Und ich glaube, glücklich sein ist tausendmal schwerer als Zufrieden sein. Aber das sieht wahrscheinlich jeder anders.
    Liebe Grüße 🙂

    • Carolina

      Jetzt hast du mich wiederrum zum Nachdenken gebracht. Auch deine Perspektive klingt absolut plausibel. Der Knackpunkt ist wirklich, das Glück und Zufriedenheit so dermaßen subjektiv sind. Blöd gesagt, ist der eine glücklich, sich ein Schokoeis zu gönnen – der nächste fragt sich, was daran toll sein soll. Er mag ja nicht mal Schokolade. Und was glücklich sein und was zufrieden sein. Oder ist es das selbe? Waaaa – ich muss damit aufhören jetzt 😀

  3. Fe

    Echt toller Post! 😉 Du hast so recht mit dem was du sagst. Immer denkt man, man muss noch mehr tun, mehr schaffen, mehr erleben,um nur alle de Möglichkeiten, Chancen zu nutzen, die am Wegrand auf einen warten. Und dann kommt diese Unzufriedenheit…
    Man fragt sich weshalb man nicht mehr Zeit am Tag haben kann, warum man so viele Möglichkeiten nicht ergreifen kann. Aber manchmal grenzt man sich nur selbst ein, wie du gesagt hattest. Man denkt es gibt die CHANCE, aber vielleicht gibt es die nicht. Ich glaube die Wertigkeit erkennt man meist im Nachhinein, aber das auch nur, weil man ihnen diese gibt.

    LG Fe 😉

    • Carolina

      Dankeschön! <3
      Aber manchmal gibt es doch diese besonderen Chancen, diese Momente, die irgendwie einen Knackpunkt im Leben bedeuten, etwas, wodurch sich plötzlich alles dreht und wendet. Doch wie du schon sagst, das weiß man niemals vorher, sondern erst ab dem Moment - oder eben danach. Genau genommen ist das ganze Leben ein einziges Pokerspiel. Ein wenig Bluff, ein wenig Risiko, ein wenig Kalkulieren und ein wenig hoffen auf gute Karten.

  4. Oh Carolina, wie recht du wieder hast.. 🙂 Ich muss allerdings auch sagen, dass diese kleinen Dinge, mich auch schon zufrieden machen – mit der Familie bis spät in die Nacht am Lagerfeuer sitzen, mit Freundinnen die Nacht durchtanzen etc. Es ist aber auch schwierig Glück und Zufriedenheit auseinanderzuhalten, finde ich.. 🙂
    Man muss sich wirklich mehr zufrieden geben mit dem, was man hat.. Daran denken, dass man gesund ist, dass man ein Zuhause hat, wo die Familie auf ein wartet etc..
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

    • Carolina

      Ich bin mir sicher – es sind genau diese kleinen Dinge, die wirklich zufrieden machen. Oder glücklung. Und oder. Und wie du schon sagst, der Unterschied zwischen beiden lässt sich gar nicht so leicht genau beschreiben. Vielleicht gibt es ja auch gar keinen Unterschied und beides geht Hand in Hand?

  5. Ich glaube, im Endeffekt bin ich auch ziemlich glücklich über die ganzen Steine. Wenn man jetzt so im Großen und Ganzen darüber nachdenkt und nicht im Einzelnen – beim Gedanken daran, einen Lebenslauf so als Fließtext zu verfassen, fühle ich mich immer noch ein bisschen irritiert, ich hab da bis jetzt noch nicht so viel rein zu schreiben, aber gut, dann habe ich es geschafft. Oder wenn ich an den Umzug denke oder meine ganzen offenen Projekte. Das klingt erst mal nach so viel Arbeit, aber was wäre denn sonst? Ich würde auf ewig in meiner winzeligen Heimatstadt hocken und hätte nichts Besseres zu tun, als Nachmittagsfernsehen zu schauen und würde ewig am Fuß des Berges sitzen, ohne mal Sisyphos hinterher zu kraxeln und die Aussicht von oben zu bewundern. Auch wenn man am Ende wieder runter rennt und nie (oder zumindest nur kurz) ganz oben am Gipfel der Zufriedenheit neben so einem „Ich war als Erster hier oben!“-Kreuz sitzt, aber für die Aussicht lohnt es sich schon.
    Und außerdem finde ich diesen Trenchcoat sehr fabelhaft!

    Alles Liebe,
    Mara

    • Carolina

      Ja, du hast Recht – vielleicht sollte man eben nicht nur die Arbeit sehen, all den Aufwand – sondern eben das Spannende und Schöne daran: Wie viele Geschichten man zu erzählen hat, das Spannende und Aufregende. Das ist es, was man wirklich in Erinnerung behält.

      Danke, der ist sogar aktuell, also noch käuflich zu erwerben. 😉

  6. Anonymous

    Wunderschöner Text! Ich glaube auch, dass wir uns schwer mit dem jetzigen Zustand dauerhaft zufrieden geben können und immer das Bestmögliche versuchen um weiterzukommen (manchmal gut aber auch schlecht). Aber manchmal gibt es auch Momente, in denen man nichts verändern möchte und einfach glücklich ist – die sollte man öfters einfach „hinnehmen“ und sich auch mal gönnen zufrieden zu sein!

    Übrigens ist dein Outfit auch klasse! 🙂

    Liebe Grüße ♥
    http://hang-tmlss.de

  7. Wunderschöner Text! Ich glaube auch, dass wir uns schwer mit dem jetzigen Zustand dauerhaft zufrieden geben können und immer das Bestmögliche versuchen um weiterzukommen (manchmal gut aber auch schlecht). Aber manchmal gibt es auch Momente, in denen man nichts verändern möchte und einfach glücklich ist – die sollte man öfters einfach „hinnehmen“ und sich auch mal gönnen zufrieden zu sein!

    Übrigens ist dein Outfit auch klasse! 🙂

    Liebe Grüße ♥
    http://hang-tmlss.de

  8. Bin ich froh, dass ich doch immer wieder auf deinem Blog lande. Weil wenn nicht, hätte ich deinen tollen Post jetzt nicht gelesen. Du schreibst wirklich unheimlich toll und deine Sorgen vom Anfang kann ich nicht nachvollziehen; du schreibst bestimmt unheimlich tolle Geschichten, wo du mit den Wörtern Welten malst.
    Aber zur eigentlichen Aussage des Posts: Ich denke, wenn wir gleich mit jedem ersten Versuch zufrieden wären, wäre es doch langweilig; keine Herausforderungen, kein Ansporn sich zu verbessern. Und deine wundervollen Beispiele zeigen ja, wo wir wären, wenn jeder gleich mit allem zufrieden gewesen wären 😀
    Ich werd jetzt defintiv wieder öfter vorbei schauen 🙂

    Alles Liebe, Jacky
    vapausblog.wordpress.com

  9. So viele wahre Worte, dem kann ich kaum noch was hinzufügen. Wirklich glücklich und/oder zufrieden zu sein ist eine tägliche Herausforderung, den kleinen wie großen Dingen gleichermaßen Beachtung schenken und sein Leben bewusst wahrnehmen ist nicht einfach. Mir ist das auch erst so richtig in den letzten Monaten bewusst geworden, ohne das ein schlimmes Ereignis mich daran erinnert hätte (zum Glück).

    Ich glaube es gehört zum Zufrieden sein auch eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit, sich selbst so akzeptieren wie man ist mit allen Stärken und Schwächen. Das muss nicht gleichermaßen Stillstand bedeuten, zumindest nicht für mich, aber es gibt einem gerade in schwierigen Situationen die notwendige Gelassenheit. Für mich hat diese Erkenntnis dazu geführt, dass ich verstärkt die Projekte/Ideen/Vorhaben vorantreibe, die mir gut tun, ich aber grundsätzlich zufrieden bin und es mich nicht so aus der Bahn wirft, wenn etwas nicht klappt. Um im Bild von Sisyphos: wenn mir auf halber Strecke der Stein wieder runterrollt, lege ich mich ins Gras, sehe den Wolken zu und atme tief durch, bevor ich einen neuen Anlauf starte. Früher wäre ich wie ein HB-Männchen vor Wut umher gehüpft, wäre dann schnaubend den Berg wieder runtergelaufen, hätte unten noch einige Tränen vergossen, um dann einen neuen Anlauf zu nehmen. Da gefällt mir meine Reaktion heute deutlich besser. Ich hoffe sehr, dass du auch einen Weg findest, dein Leben so zu leben, wie es dir am besten passt und damit zufrieden zu sein.

    Viele Grüße, Silke

    • Carolina

      Ich liebe ja so lange Kommentare wie von dir Silke. Da kommt der Lesefreund durch. 🙂 Und vor allem freue ich mich so sehr, wenn sich jemand Gedanken macht, meine weiterspinnt oder auch widerlegt.

      Es klingt also, als könnte man das wirklich lernen, es ist wahrscheinlich einfach Übungssache, so wie joggen gehen oder laufen. Am Anfang unangenehm und ungewohnt für den Körper und je öfter man es dann bewusst macht, umso einfacher. Danke für die aufmunternden Worte! <3

  10. Ich bin mal wieder ähnlicher Meinung. 😉
    Gerade in unserem Alter wäre es doch schade, wenn wir mit allem zufrieden wären. Ich sehe Unzufriedenheit auch eher als Motor, der uns vorankommen lässt. Aber trotzdem ist Unzufriedenheit kein schönes Gefühl und so ein bisschen Frieden mit sich selbst wäre schon mal nicht schlecht..
    Jedenfalls tröstet es mich, dass es vielen anderen genauso geht wie mir.

    Liebe Grüße

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