Kommentare 32

Einmal Grabstein in Pastell, bitte!

 Sinn des Lebens: etwas, das keiner genau weiß. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mensch auf dem Friedhof zu sein.

 Vollkommen egal, welchen Tierdokumentarfilm man sich ansieht, man erkennt sofort, dass es eigentlich nur um zwei Dinge geht: Bleib möglichst am Leben und geh‘ mit möglichst vielen Nachkommen von dieser Welt. Wahrscheinlich ist das mit der Vermehrung sogar noch sehr viel tiefer als der Wunsch nicht zu sterben. Sind wir Menschen davon so weit entfernt? Vom Überleben und sich vermehren?

Heruntergebrochen auf das Essenziellste, kommen wir auf die Welt, leben und sterben. Unser Zweck: Gut wären ein paar Nachkommen – denn ohne die wäre die Gattung Homo Sapiens schon längst ein Relikt, dass wir heute bevorzugt in einer Vitrine neben Ammoniten und verstaubten Knochen sammeln. Von Sinn kann man sprechen, wenn man etwas Sinnvolles hinterlässt: Eine grandiose Erfindung. Eine technische Neuerung. Etwas, das es so noch nie gegeben hat. Wie beispielsweise Feuer, Strom, das Rad oder beheizbare Sohlen im Winter. Wirklich fabelhaft. Was das angeht, verlieren allerdings sehr sehr viele Individuen – einschließlich mir – einige Punkte auf der Sinnhaftigkeitsskala. Weder habe ich irgendeine herausragende Erfindung vorzuweisen (wenn es nach mir ginge, würden wir immer noch mit einem Schafpelz umwickelt um eine Feuerstelle sitzen), noch hat mir die Welt eine besonders besondere Idee zu verdanken (außer pastellfarbene Grabsteine würden endlich genehmigt werden).

Eigentlich ist es doch so simpel, so einfach. So banal. Und genau das ist das Problem: Es ist zu banal. Und weil es das ist, bauen wir riesige große Burgen, bunte Luftschlösser und himmelhohe Gerüste um diese Banalität, die sich Leben nennt.  Wir gehen in die Schule, besuchen Universitäten, machen Ausbildungen, sammeln IHK Zertifikate und Titel, die wir vor unserem Namen platzieren können. Denn wir müssen vor allem eins: Geld verdienen, um uns dieses Leben überhaupt leisten zu können. Die Ironie fällt einem aus der Perspektive auf, oder?

IMG_3895
Doch den eigentlichen Sinn, den eigentlichen Zweck vergessen wir nur zu oft. Und wir nehmen all diese Burgen, Schlösser und Gerüste so sehr ernst. Beängstigend ernst. Todernst. Wir nehmen die verpatzte Prüfung viel zu ernst – was, wenn man danach nicht mehr auf Platz eins der Rangfolge ist? Wir nehmen das Studium bitterernst – denn es wird erwartet, dass man es tut. Im Beruf spielen wir eine ernste Rolle. Schließlich müssen wir kompetent, fehler- und tadellos wirken. Ja, ich schreibe bewusst wirken. Denn ich habe das Gefühl, dass das mittlerweile das Wichtigste ist: Hauptsache, es wirkt so. Wirkt perfekt. Wirkt schön. Wirkt fehlerlos. Ob es wirklich so ist, das ist eigentlich zweitrangig. Danach fragt niemand, das will niemand wissen. Ein Moment der Schwäche und es passiert das Gleiche, wenn ein Rudel Löwen eine Herde Antilopen jagd. Soviel zum Thema Homo Sapiens. Homo Teilzeitsapiens passt da schon eher.

Wir messen unserem Leben und manchen Dingen manchmal so viel Wichtigkeit zu, dem Partner, wenn er wieder den Deckel nicht auf die Zahnpastatube macht, obwohl man doch schon 300 Mal gesagt hat, dass er das nicht machen soll. Wir nehmen uns viel zu ernst. Vor allem uns. Doch eigentlich, ist es doch so banal. Versteht mich nicht falsch: Ich möchte nicht sagen, „Leute, das ist alles für die Katz‘, schmeißt das Studium und werdet Strandmodel auf Haiti! “ Ich will nicht sagen, dass man morgen dem Chef die Kündigung auf den Tisch knallen soll, um dann in einer Bambushütte Blumenkränzchen für seine Freunde zu basteln. Ich will damit nicht sagen: Hey, das ist doch alles wertlos, weil wir ja eh‘ bald mit runzliger Haut unter die Erde gehoben werden. Im Gegenteil – ich will sagen, dass man in dieser uns zur Verfügung stehenden – relativ kurzen – Zeitspanne so viel gute Momente und Spaß sammeln sollte, wie es nur irgendwie möglich ist.

Sich weniger in Dingen verrennen, die einem doch letztendlich gar nichts bringen, auch mal das eigene Ego zur Seite legen. Das ist nicht einfach, vielleicht ist das ja auch unser größter Feind. Das eigene Ego, dass sich fühlt wie ein kleiner Filmstar, auf die große Bühne will und ständig tosenden Beifall von allen Seiten erwartet. Zur richtigen Person nein sagen lernen. Im richtigen Moment ja sagen trauen. Nach innen schauen. Die Filter abschalten. Was will ich, was bringt mir wirklich etwas? Bringt mir dieser IHK Kurs etwas oder mache ich das nur, weil der Chef es gut findet. Will ich die Beförderung, weil ich weiß, dass mich die Position glücklich machen wird oder will ich die Beförderung, weil ich denke, dass ich damit mehr Geld verdiene und dann bestimmt glücklicher bin.  Ein wenig Banalität, etwas mehr Unwichtigkeit für sich selbst schafft witzigerweise gleichzeitig mehr Wichtigkeit und Klarsicht für die eigene Person.

IMG_3887

32 Kommentare

  1. Ich stimme dir voll und ganz zu. Super schöner Text!!!

    Das traurige daran ist nur, zumindest ist es der Grund, der mich oft abhält, dass die meisten Dinge, die man gerne machen würde Geld kosten… wie zum Beispiel die Welt sehen oder seine Liebsten besuchen, in meinem Fall Filme machen, etc.
    Ich hab das Gefühl man arbeitet oft so sehr, um sich den Rest des Lebens schön zu gestalten, dass vom Rest des Lebens wenig übrig bleibt.

    • Carolina

      Die Geldsache ist auch wieder so ein riesen Thema nur für sich über das man Buch um Buch füllen kann. Du hast Recht, dass einen für gewisse Dinge das Geld fehlt, aber für so so viele wichtige Sachen braucht man überhaupt kein Geld oder nur sehr wenig. Ich bin mir sicher, dass dies auch stark dazu beiträgt, dass man eben nicht das Gefühl hat, dass das Restleben ständig kleiner und kleiner wird, ohne das man es richtig gelebt hat.

  2. wie viel wahrheit in diesem text steckt…manchaml macht mich gerade dieser Gedanke der Sinnlosigkeit echt fertig, aber was solls…du hast recht, warum sollte man sich da den kopf darüber zerbrechen? lieber das genießen was IST und das Leben mit all seinen kleinen Glücksmomenten zu schätzen wissen 🙂
    xoxo Limi

  3. Hey, ein sehr Nachdenklicher Text, er gefällt mir sehr…
    Das was du ansprichst, darüber mache ich mir auch oft Gedanken. Ich denke immer ob es nicht sinnvoller wäre, das Leben einfach zu Genießen und im Jetzt zu Leben, denn das Leben findet doch nur im Moment statt. Im Grunde genommen gibt es weder Zukunft noch Vergangenheit, dass findet alles nur in unserem Kopf statt, während wir den Moment völlig verdrängen. Dabei gibt es einfach so viele Momente, die man einfach nur ganz bewusst genießen sollte 🙂
    Naja bevor ich jetzt abschweife wünsche ich dir noch einen schönen Abend.
    Liebe Grüße
    Lisel von http://www.miss-flauschig.de <3

    • Carolina

      Vielen Dank, Miss Flauschig!
      Nein nein, abschweifen ist immer gut, da fängt es erst an gut zu werden 😉
      Ich denke auf jeden Fall, dass die Vergangenheit mega wichtig ist – wie will man sonst lernen. Und genau so die Zukunft, ohne die gäbe es ja überhaupt keine Motivation. Manchmal denke ich aber, dass wir uns unterschätzen, wir genießen doch trotzdem so viele kleine Dinge jeden Tag, oft ohne es richtig zu bemerken. Vielleicht wird das „im jetzt leben“ auch auf ein etwas zu hohes Podest gestellt. Vielleicht auch nicht, ich bin mir sehr uneinig was dieses Thema angeht wie man merkt 😀

      • Ja da magst du wohl recht haben, wenn man das „im Jetzt leben“ zu sehr idealisiert, dann steht man sich selber im Wege. Die Zukunft und die Vergangenheit exestieren allerdings nur in unseren Köpfen. Sicherlich braucht man die Vergangenheit, denn sie macht einem zu dem der man ist und außerdem würde man sonst immer die selben Fehler machen. Auch die Zukunft ist wichtig, denn jeder hat Träume und Ziele auf die er hinarbeiten will. Aber in unserer, teilweise sehr verkopften, Gesellschaft in der man, wie du so schön beschrieben hast, Zertifkate und Abschlüsse sammelt, verliert man sich manchmal in seinem Kopf. So geht es mir zumindest. Sei es durch Tagträumerreien oder weil man sich um etwas sorgt. Aber dadurch, dass man einfach den ganzen Tag „in seinem Kopf“ verbringt, bekommt man so viele schöne Momente im Leben nicht mit. Ich denke, wir sollten versuchen unsere Augen wieder auf die kleinen Dinge zu richten und nicht nur auf die großen Sachen zu schauen.
        Puh… ganz schön viel Text für einen Kommentar. Tut mir leid 🙂
        Flauschige Grüße und noch einen schönen Abend 🙂

        • Carolina

          Überhaupt nicht zu viel Text, ich mag das sehr gerne, denn ich freue mich erst so richtig, wenn man über Dinge zu reden anfängt und sich über Gedanken austauscht.
          Und du hast Recht, große Ziele sind wichtig und gut – und natürlich soll man seinen Blick auch auf sowas richten. Aber dabei niemals vergessen, dass doch letztendlich alles anders kommen kann und sich nicht so fest an diese Ziele klammern. Man weiß nie, ob man nicht morgen nicht mehr da ist.

          • Ja, das ist es eben, wer weis, ob man morgen noch ist. Die schönsten Dinge im Leben sind die, die man nicht bezahlen kann. Die Zeit die man mit Familie und Freunden verbringt. Ich frage mich immer, auf welches Leben ich zurückblicken möchte, wenn ich mal alt bin. Und dann denke ich mir immer das es ein Leben voller Lachen, Liebe und Abenteuer gewesen sein soll. Ein Leben von dem ich keinen Moment bereue (oder zumindest so wenige Momente wie möglich) und in dem ich so oft wie möglich glücklich war. Lustigerweise versuche ich Momentan unglaublich viel vorrauszuplanen und verliere mich in Tagträumerreien, zum Glück erinnert mich mein „Mister Flauschig“ immer wieder daran, dass es sowieso anders kommen wird und ich einfach abwarten sollte was das Leben so bringt.
            Naja jedenfalls versuche ich, nach dem Abi möglichst nur noch das zu machen, was mir Spaß bringt, auch wenn das nicht immer gehen wird. Dennoch hat man ja immer die Wahl etwas zu tun oder eben auch nicht zu tun. 🙂

          • Carolina

            Genau so denke ich mir das auch. Wenn ich alt bin, möchte ich nicht über verpasste schöne Momente und Chancen traurig sein.

            Aber es ist doch perfekt, wenn ihr euch da beide so gut ergänzt! 🙂

    • Carolina

      Das freut mich wirklich sehr, ich war diesmal so unsicher, ob ich auf „Veröffentlichen“ drücken soll oder nicht. Wusste nicht, ob es nicht zu viel Text ist und überhaupt nachvollziehbar.

  4. Das sind in der Tat wahre Worte. In meinem Studium habe ich
    mich auch mit Buddhismus auseinandergesetzt und auch
    allgemein über die Frage nachgedacht: Was macht mich glücklich?
    Was ist der Sinn hinter dem ganzen Stress, den man sich macht?
    An dieser Stelle ist der Film oder auch das Buch „Hectors Reise oder
    die Suche nach dem Glück“ sehr empfehlenswert!!

  5. So viel Wahrheit in so einem wunderschönen Text!:)
    Ich finde wir sind oft so damit beschäftigt, dass unser Leben perfekt und makellos wirkt, dass die Anderen sehen, dass unser Leben keine Fehler hat und vergessen dabei, den Moment zu leben.
    Die Bilder sind übrigens auch wunderschön!:)
    Liebe Grüße, Janina 😀

    • Carolina

      Da hast du Recht..wie viele haben vor der Tür ein mega Auto stehen und daheim nix zu essen. Ich denke aber auch, dass das überall mit Raten zahlen können noch weiter zum Fassadenbau beiträgt, man kann sich ja im Prinzip inzwischen alles kaufen. Zahlt man halt 5,10,30 Jahre ab..

      • Das mit den Ratenzahlungen möchte ich auch nochmal deutlich unterschreiben! Ich versuche es selbst eigentlich zu vermeiden, obwohl ich nur ein Praktikantenbudget habe – oder gerade deswegen, weil es einfach zu verlockend ist. Hier ein Abo, da ein Vertrag, da eine Finanzierung. Auch ich habe Handy, Netflix, Spotify… dann noch ein paar Luxusgegenstände und zack hat man nicht mehr genug für anständige Lebensmittel übrig. Musste erst heute wieder den Kopf schütteln bei IKEA: Wenn ich dort schon meine 300 Euro Couch in Raten zahlen kann, ist das nicht schlecht? Ich meine, klar, für manche Notfälle ist so ein Angebot fair (wenn man zB unverhofft eine neue Wohnung beziehen muss), aber allgemein ist es kein guter Trend. Ich lasse das mit dem 200 Euro Sessel eben, behalte eine Ecke im Zimmer frei und spare noch ein paar Monate, bis er dazukommt.

        • Carolina

          Ich bin was das betrifft auch das totale Opfer..leider. Gib mir einen 100 Euro Schein in die Hand und ich bin zu geizig einen 30 Euro Pullover zu bezahlen – sobald ich aber die EC oder Kreiditkarte in der Hand habe – zack, Schuhe für 90 Euro, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich versuche wirklich, mir öfter Geld abzuheben und das dann statt den Karten zu verwenden, hilft total!

    • Carolina

      Ja, da hast du Recht. Es ist auch so ein riesen Thema. Und dann eigentlich auch wieder keins. Deswegen habe ich mir dieses Mal wirklich schwer getan, die richtigen Worte zu finden! Aber vielen Dank.

  6. Carolina, da hast du mal wieder einen Artikel geschrieben, der mitten ins Schwarze trifft. Solche Gedanken beschäftigen mich sehr oft und ich versuche mir regelmäßig eben dies zu sagen: Nimm es nicht zu ernst. Was hast du davon, dich jeden Tag über Kinkerlitzchen aufzuregen (ich bin leider cholerisch veranlagt und es fällt mir sehr schwer da rechtzeitig abzubremsen), was hast du vom Schuften bis du fast umfällst um irgendwem (nicht einmal dir selbst) gerecht zu werden. Was hast du davon, zu stolz zu sein, jemandem zu sagen wie gern du ihn hast. Wirst du das nicht alles am Ende bereuen? Ja, das erkenne ich. Nur mit der Umsetzung hapert es noch. Man ist eben doch zu bequem in dieser Gesellschaft verankert.

    • Carolina

      Dankeschön, Sabine, das freut mich sehr! 🙂
      Ja, die Umsetzung ist wohl in den meisten Fällen um einiges leichter als die bloßen Worte, da muss man schon etwas angeschubst werden oder sich selber mal in den Hintern treten. Sowas geht aber auch in der Regel nur, wenn man es auch wirklich will. Ansonten scheiterts wirklich an Bequemlichkeit und sozialen Normen und Schranken..

  7. Ich finde dein Beitrag wirklich klasse!
    Wir haben aufgehört unseren fassadenbauenden Freunden oder den geldraffenden Eltern zu gefallen, in dem wir Glück für uns neu definiert haben. Geld ist notwendig, letztendlich sogar für den Grabstein auf dem später unsere Namen stehen. Aber Geld scheffeln für was? Soll ich mich wirklich mit zwei Wochen Malle im Jahr zufrieden geben? Ist es nötig das neuste Auto zu fahren?
    Wir definierten unser Glück auf unserem GEMEINSAMEN Glück: Das wir uns haben, das es und gibt, das wir etwas erleben, reisen und Erfahrungen sammeln. Denn wenn es irgendetwas nach diesem Leben gibt, nehmen wir eher Liebe und Erfahrung mit, als den Porsche oder das Eigenheim!
    Alles Liebe an dich!

Schreibe eine Antwort