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Sonntagspost: His sweater

Am Freitag abend knallt die bis oben vollgepackte Reisetasche auf die grauen Fliesen im Flur. Man sollte nicht meinen, was für ungeahntes Fassungsvolumen in solchen Taschen steckt. Joanne K. Rowling muss wohl am Wochenende auch immer bei ihrem Freund übernachtet haben. Wie hätte sie sonst die Idee für Hermine mit dem unaufspürbaren Ausdehnungszauber haben sollen. In diesem kleinem unscheinbaren Perlentäschchen konnte man Zauberumhänge, eine halbe Bibliothek bis hin zu einer kompletten Zeltausrüstung ganz problemlos unterbringen. Ausdehnungszauber also. Kein Problem, das bekomme ich hin – einziges Problem besteht darin, den einmal ausgeräumten Inhalt wieder unterzubringen. Kennt jemand dieses Phänomen, dass man eine Tasche nie wieder so gepackt bekommt wie am Anfang – selbst wenn man kein einziges Teil mehr dabei hat als zuvor, scheint der Inhalt auf fast magische Weise mehr geworden zu sein. Von wegen, es gibt keine Magie.

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Völlig wahllos packe ich jedes Mal viel zu viele Pullover ein. Pullover habe ich immer zu viele dabei. Dafür kann es gut und gerne mal passieren, dass ich die Hose vergesse. Ober Socken. Oder beides. Manchmal habe ich mich auch zwischen fünf Schals nicht entscheiden können und letztendlich voller Überzeugung alle mitreisen lassen. Das ging dann leider auf Kosten der Pullover. Wie man’s macht ist es falsch.

Samstag morgen tapsen Schritte über den Boden. Vorbei an der Reisetasche belegt mit dem unaufspürbaren Ausdehnungszauber. Das Ziel ist ein ganz anderes: sein Kleiderschrank. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um an den weißen großen Pullover heranzukommen. Auf einem Bein balancierend ziehe ihn ballerinaanmutig vom Bügel und mir über den Kopf. Die Ärmel werden 25 Mal umgekrempelt. Oder auch nicht. Schließlich geht es darum nicht. Aber warum geht es eigentlich? Ich dachte am Anfang immer, das ist so eine Marotte von mir. Aber sieht man sich ein wenig um, dann ist es überall. Sie trägt sein T-Shirt: Oversized- Style. Oder so als ob: Boyfriendjeans. Seinen Pullover: Daheimkuscheloutfit. Männer, ihr könnt froh sein, dass die Fußgrößen in der Regel doch einige Nummern voneinander abweichen – sonst hätten wir die uns sicher auch schon einverleibt.

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Warum zieht man seine Klamotten nur so viel lieber an als die eigenen? Am Kleidungsmangel kann es nicht liegen. Wenn ich mir seinen Schrankinhalt so ansehe, möchte ich fast aus lauter Mitleid den Altkleidercontainer für ihn plündern. Oder liegt es daran, dass wir uns tagtäglich einfach in viel zu enge Klamotten zwängen, dass es wie Urlaub für den Körper ist, mal wieder einen normalen Bewegungsradius zu haben.

Als er mich zum ersten Mal in seinem T-Shirt sah, dass mir wie ein Kleidchen fast bis zu den Knien reichte, kommentierte er das grinsend mit den Worten „a man’s shirt on a woman’s body is like a flag on a conquered ship.“ Aha. Ich überlegte.
Anscheinend verstecken sich hier in Form von oversized Baumwollpullovern uralte Instinkte. Wenn sie also seinen Pullover trägt, dann mag sie seinen Geruch. Und wohl ihn auch irgendwie. Zumindest in der Regel. Dieser weiße ausgeleierte Pullover ist also ein imaginärer Das-ist-meins-Stempel. Auf eine hoch bequeme Weise muss ich hinzufügen. Und umgekehrt? In einer Zeit, in der man potenzielle Männchen auf Tinder selektioniert,  wollen Frauen da überhaupt noch erobert werden? Oder ist das inzwischen genau so antiquiert wie Dauerwelle,  Dinosaurier, Paris Hilton oder Schulterpolster?

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Ich glaube ja, was das anbelangt, haben wir uns evolutionstechnisch nur millimeterweise weiterentwickelt. Es ist ja nicht so, als wäre ich nicht auch selber im Besitz locker und viel zu weiter Pullover. Doch irgendwie ist es nicht dasselbe.
Trotzdem bin ich irgendwie heilfroh, dass die ganze Schiffseroberungssache nicht andersrum funktioniert. Würde er meine Pullover tragen und hätte ich plötzlich nur noch ausgeleierte Übergrößen auf meiner Kleiderstange hängen, das wäre dann irgendwie wohl doch zu viel des Guten.

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Outfit: his sweater

Favourite song today: Love like this – Kodaline

 Photos: Foxografie

 

18 Kommentare

  1. Hast du ein Glück – die Klamotten meines Freundes sind mir viel zu klein. Hab mir ein viel zu dünnes-untergewicht-Männchen angelacht und selbst zu breite Hüften 😀
    Nur seinen Zipper hab ich mir mittlerweile unter den Nagel gerissen – weil er sich immer beschwert, dass er jetzt in dem Pullover Brüste hat, weil ich ihn ausbeult habe 😀

  2. Was ein schöner Post und tolle Bilder.. 🙂 Da ich momentan single bin kann ich nicht davon schwärmen seine Pullover zu tragen, aber ich weiß dennoch was du meinst.. ich liebe es die übergroßen Pullover und Jacken zu tragen.. ein ehemaliger Freund von mir ist gut 2m groß und iwie war er ne zeitlang immer der, der mir seine Jacken gegeben hat, wenn mir kalt wurde.. da bin ich dann immer komplett drin versunken.. 😀 aber es war super schön 🙂 Vor einigen Wochen haben ein Freund und ich uns dieselbe Jacke bei H&M gekauft, weil ich ihm die rausgesucht hab und dann hab ich die den Tag über getragen, bis er mich letztendlich überredet hat, mir die selbst zu kaufen – natürlich in derselben Größe und iwie ist das, obwohl es meine ist, fast dasselbe Gefühl.. 😀
    Ich wünsche dir noch einen schönen Restsonntag!

    • Carolina

      Ja, mir ist im Nachhinein selber auch aufgefallen, dass der Beitrag jetzt nicht unbedingt Singlefreundlich war. Ich hoffe, ich habe keine spontane Übelkeit ausgelöst! 😀
      Diese übergroßen Klamotten sind alelrdings in der Tat phänomenal!

  3. Mir gehts da aber irgendwie genauso wie dir. bei meinem Freund hab ich mir auch imme rnur seine Klamotten geschnappt, meine eigenen lagen unberührt in meiner Tasche. Keine Ahnung warum das so ist, aber ich hab es geliebt, seine großen Sachen zu tragen. 😀

  4. So wunderschöne Bilder und der Text ist wieder so wunderschön geschrieben *-*
    Und soo war. 😉
    Ich glaube es geht wirklich auch sehr stark um den Geruch 🙂
    Ist mir bei mir zumindest schon öfter aufgefallen, dass ich mich in sein Pullover gekuschelt habe und
    geschnuppert habe 🙂
    LG Juli von Rahmenlos

    • Carolina

      Oh nein, hab ich schon ein wenig weiter oben geschrieben, dass mir der Antisingle Post fast ein wenig Leid tut. Aber gut, wenn du statt kotzen, dann doch letztendlich schmunzeln und hoffen kannst! 😀

  5. Nein, wie wunderbar geschrieben. Schon immer habe ich mir eine Tasche, wie Hermines gewünscht. Obwohl das schon viel weiter in die Kindheit zurück geht. Da wollte ich immer die Tasche von Mary Poppins haben. Wenn ich mir das recht überlege, hatte J. K. Rownling die Idee bestimmt daher. Aber ich liebe es auch seine Pullover anzuziehen. Also die meines Freundes natürlich. Und das nicht nur als wir noch eine Fernbeziehung geführt haben, aber damals noch viel mehr. Heute, da wir etwa 5 Minuten Fußweg auseinander wohnen, brauche ich dennoch nicht viel, wenn ich mich auf den Weg zu ihm mache. Ich lande ja sowieso wieder in seinem Pullover, der großen Fußballjogginghose. Tja. Du beschreibst das wirklich wunderbar. Ich weiß gar nicht wieso ich dir nicht schon vorher gefolgt bin. tz tz Schande über mein Haupt!!

    xx

    • Carolina

      Da könntest du Recht haben. Bei genauerer Überlegung ist Mary Poppins eh noch cooler. Über die habe ich auch schon mal einen Post verfasst. (Evt. ein dezenter Hang zur Überfantasie) 😀

      Quatsch, keine Schande – JETZT bist du ja an Bord! 😉

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